Der produktive Widerspruch
Kunst V
13. März 2015, Wien

 

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Elke Bippus, Kunsttheorie/-geschichte, ZHdK Zürcher Hochschule der Künste, Zürich, Schweiz

Sabeth Buchmann, Kunsttheorie/-geschichte, Akademie der bildenden Künste, Wien, Österreich

Nina Glockner, Künstlerin, Amsterdam, Niederlande, und Wien, Österreich

Ulrike Möntmann, Künstlerin, Amsterdam, Niederlande, und Wien, Österreich

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Dieses Komplizinnentreffen befasst sich mit dem interdisziplinären Ansatz, den Möntmann in ihrer Praxis anwendet, wobei der Schwerpunkt auf der geplanten Publikation und den damit verbundenen methodischen Entscheidungen liegt.

 

 

DIE PUBLIKATION ALS RAUM FÜR DEN INTERDISZIPLINÄREN STAFFELLAUF

 

Zu Beginn der Diskussion nennt Elke Bippus die Notwendigkeit der Bildung einer Diskursgemeinschaft von Akteuren der künstlerischen Forschung und der Kunsttheorie, in der eine andere Arbeitsteilung vorgenommen würde als bisher im Verhältnis von Kunst und Kunsttheorie.

Ulrike Möntmann sieht in ihrem geplanten Buch als einem der verschiedenen Publikationsformate (Archive) ihrer Outcast Registration, diesen Ansatz gegeben: Wie in einem Staffellauf sollen methodisch alle Fachgebiete, mit denen sie Komplizenschaften eingegangen ist, aufgenommen werden und gleichzeitig als Material in diese Felder einfließen. Als mögliche Strategie nennt Elke Bippus hier das Nebeneinanderstellen der einzelnen Fachbeiträge als Alternative zu einer direkten Interpretation, „… so dass alles, was bisher parallel nebeneinander herlief, zusammenkommt. […] Forschungen von anderen, die natürlich mit der Fragestellung Berührungen haben, […] Artikel, die das Projektmaterial nicht interpretierend betrachten, sondern als Material ihres eigenen Fachgebietes: Drogenkonsum, Prostitution, sexueller Missbrauch.“ Diese Herangehensweise sei ungewohnt, aber funktioniere, um die angewendete Staffellaufmethode und den interdisziplinären Aspekt der Arbeit explizit zu unterstreichen.

Als Beispiel nennt Nina Glockner die Arbeit „Klandestine Welten. Mit Goffman auf dem Drogenstrich“ (Helmer Verlag, 2003) der Erziehungswissenschaftlerin Antje Langer, in der sie die Akteurinnen, drogenabhängige Prostituierte, selbst zu Wort kommen lässt und so „nicht ausschließlich interpretiert, analysiert sondern überwiegend ediert.“ Diese Herangehensweise sei, so Buchmann, aus der wissenschaftlich-theoretischen Perspektive legitim „… vor dem Hintergrund deines partizipatorischen Ansatzes, wo es tatsächlich darum geht, gleichberechtigte Sprecherpositionen zu etablieren – nicht nur über die Betreffenden zu sprechen, sondern jene auch selber sprechen zu lassen, sie als Handelnde anzuerkennen und agieren zu lassen, die sich dann auch als souveräne Subjekte in einer Weise äußern, die sich jetzt nicht nur in diesen verschiedenen diskursiven Zugängen aufnehmen lässt, sondern wo sich vielleicht auch mal etwas querlegt.“ Sabeth Buchmann beschreibt als methodische Möglichkeit die Entwicklung eines „topologischen Modells, ein Mapping“ mit Verknüpfungen: „Das muss nicht in einem linearen, argumentativen, sukzessive aufeinander aufbauenden Argumentationsgang geschehen. Das kannst du auch in einer Simultanität anordnen, […] als ein vernetztes Verweissystem.“

 

DAS KOLLEKTIVE GESPRÄCH ALS PRAXIS

 

In diesem Kontext stellt Ulrike Möntmann die Frage, wie das bestehende Material der Komplizinnentreffen in die Publikation einfließen könne, solle und dürfe: „Ich würde nicht sofort so mutig sein, das zu interpretieren oder zusammenzufassen, was ihr gesagt habt.[…] Ich kann nicht sagen, dass ich mir an dieser Stelle soviel Freiheit nehmen würde wie in der Kunst.“

Für Buchmann liegt die Antwort in: „Copyleft: Nutze was du nutzen kannst! Ich muss nicht aus Gesprächen heraus zitiert werden, wenn es um Erkenntnisgewinn geht. Natürlich wäre z. B. bei der Parrhesia Ruth Sonderegger klar zu nennen oder bei künstlerischer Forschung und Kunst als Forschung, Elke Bippus als Stichwortgeberin usw. Aber sonst würde ich sagen: Benutze alles als Material. Und da steht ja auch irgendwo, dass dein Text auf bestimmten Gesprächen basiert, dass zu deiner Praxis auch das kollektive Gespräch gehört. Ich mache das oft. Auch mein Thema „Probe“, an dem ich gerade forsche, hat etwas damit zu tun, dass es sich eigentlich um einen kollektiven Diskurs handelt, und dann verweise ich darauf, dass ich darüber mit verschiedenen Leuten im Gespräch bin. Und an der Stelle, wo Leute einen dezidierten Begriff oder dezidierte Theorien gebrauchen, sollte man das auch als Zitat kenntlich machen, das gehört zu einer guten wissenschaftlichen Praxis.“

Auch Bippus pflichtet dem bei, doch ihrer Meinung nach könne auch bei wortwörtlichen Zitaten leicht etwas „entstellt“ werden: „Wann kann man so wortgetreu bleiben und etwas im ursprünglichen Kontext lassen? Entsteht nicht immer eine Transformation, eine weitere Formung?“

Das Integrieren des Materials in den Kontext von Möntmanns Fragestellungen scheine sinnvoller als die Veröffentlichung der Diskussionen als Transkript. „Es ist“, führt Buchmann aus, „so modifiziert, wie wir sprechen. Wir kennen uns so gut, das hat auch etwas Ausschließendes. Das merken wir teilweise selbst nicht mehr. Aber in dem Moment, wo du im Schreibprozess bist, bist du im Vermittlungsprozess. Du wirst immer einem Leser, einer Leserin erklären wollen, warum jener Begriff, jene Erklärung benutzt wird und von wem. Im Gespräch machen wir das nicht.“

 

NARRATION ODER INFORMATION, NÄHE ODER DISTANZ?

 

Anhand der neuen Diagramme am Beispiel Rebecca Mertens (Projektteilnehmerin TBDWBAJ), werden verschiedene Möglichkeiten der Wissens- bzw. Erfahrungsvermittlung erläutert. Rebecca Mertens, von der Merkmale ihres Lebens einerseits in eine Statistik, ein Diagramm übertragen werden, ist andererseits eine Einzelfigur, von deren persönlicher Lebensgeschichte aus direkter „Nähe“ erzählt werden kann. Elke Bippus hinterfragt die Bedeutung der Narration als Form der Darstellung in der geplanten Publikation: „Ich glaube, die Narration spielt auch eine Rolle dabei, wie ich mich auf die statistische Darstellung einlasse. Was passiert, wenn ich nur dieses Diagramm habe?“ Für Buchmann wird das Diagramm im Zusammenhang mit einer Erzählung selbst eine Narration: „[…] Es ist ja nicht nur ein Leben in Daten aufgeschlüsselt, sondern es erzählt auch einen Verlauf. Man fängt an, Beziehungen zwischen den einzelnen Daten herzustellen, es bleiben so keine abstrakten Daten.“

Anschließend wird Möntmann gefragt, ob sie in der Publikation eine „rein objektivierende Darstellung“ – eine Darstellungspraktik der Wissenschaft – handhaben werde oder ob „das Narrative, das Subjektive, das Interesse“ einen Platz erhalte (Bippus). Es gehe also um eine Entscheidung zwischen einer „relativierenden subjektiven Position“, der Narration, die eine „Form der Relativierung“ (Buchmann) sein könne und um eine stark objektivierende, wissenschaftliche Form. Möntmann sieht für ihre Praxis die Narration als notwendige Form: „Ich denke, dass ich diese Geschichte, wie ich immer tiefer ins Innere der Gefängnisse vorgedrungen bin, auch wirklich erzählen muss. […] Ich weiß sicher, dass das rein Objektivierende, Wissenschaftliche nicht mein einziges Interesse ist und auch nicht sein kann. Ich bin ja kein Wissenschaftler. […] Du brauchst das Persönliche um herauszufinden, was wir füreinander bedeuten können. Was interessiert jemanden, was können wir voneinander lernen, was einander berichten?“ Jedoch gäbe es Teile des Projektes, wie z. B. das Webarchiv, die in ihrer Sachlichkeit ohne Erzählung auskämen. Alle Publikationsformate stünden nebeneinander und träten mit unterschiedlichen Schwerpunkten miteinander in Beziehung und „… sorgen so dafür, dass ich einen Eindruck, eine Sichtweise vermittle.“

 

DER PRODUKTIVE WIDERSPRUCH – WIDERSPRÜCHE AUFZEIGEN UND AUSHALTEN 

 

Das Aufeinandertreffen verschiedener Perspektiven, das Möntmann mit ihrer interdisziplinären Arbeitsweise bezweckt, offenbart oft starke ideologische Widersprüche.

Als Beispiel nennt Nina Glockner die Komplizinnentreffen mit der Psychologie und Psychiatrie, wo trotz der dicht beieinander liegenden Professionen ein Dilemma deutlich zu Vorschein tritt: „Während die Psychologin immer wieder soziale und genderspezifische Aspekte stark betont, reduziert der Psychiater, die Psychiaterin die Problematik teilweise auf das Medizinische und lässt dabei die Ausgangspunkte der Arbeit, die Ulrike macht und die die Psychologin im Gefängnis praktiziert, außen vor. Da entsteht für mich ein krasses Dilemma: einerseits hilft es zwar auf gesellschaftlicher Ebene, Drogenabhängigkeit als Krankheit zu definieren, doch andererseits ergibt sich daraus die Gefahr einer erneuten Stigmatisierung der Drogenabhängigen.“

Buchmann bezeichnet diese Problematik als einen „extrem produktiven Widerspruch“, dessen Darstellung sie als gesellschaftlich relevante Herausforderung betrachtet: „Was kann man gesellschaftlich beanspruchen? Dieses Sowohl-als-auch-Denken, das Entweder – Oder, die Ambivalenz, die Ambiguität […] genau dieser Widerspruch zieht sich auch durch meine ganzen Überlegungen, Praktiken. Immer wieder weder in die eine noch in die andere Richtung auflösen, immer wieder die neuen Verhältnisformen ausloten. Was ist wo gut, wie gut, strategisch, gesellschaftlich, wissenschaftlich, medizinisch, juristisch. Und das muss immer wieder neu bestimmt werden.“ Sie sieht hier ein potentielles Handlungsfeld für die Kunst bzw. künstlerische Forschung: „Vielleicht könnte gerade das Künstlerische die Fähigkeit, diesen Widerspruch überhaupt auszuhalten, unterstützen.“

 

In diesem Zusammenhang erwähnt Bippus die Position der Soziologin und Wissenschaftstheoretikerin Karin Knorr Cetina, die Widersprüche innerhalb einer Argumentation als unumgänglich sieht. Buchmann bezeichnet diese Haltung als „… eine höchst politisch-ethische Leistung. […] Es bedeutet ja auch nicht, dass man sich nicht positioniert, wenn man mit Widersprüchen zu tun hat, sondern dass man sich gerade innerhalb den Widersprüchen oder zum Widerspruch positioniert. Aber gemäß der Forderung, den Widerspruch nicht auszublenden. Und es gibt eben keine einfache Lösung.“

Möntmann sieht innerhalb ihrer Praxis das Aufzeigen des Widerspruchs als Ziel an sich: „Ich will ja auch nicht mit einem Lösungsvorschlag kommen, sondern sichtbar machen, was zielgerichtet unsichtbar bleibt. Aus welchen Gründen auch immer.“

Glockner erfährt diesen Widerspruch auch direkt während der Projektausführungen im Gefängnis, wo man die eigenen Vorurteile nicht verleugnen kann, sondern wo deren Bewusstwerdung ein erster Schritt zur Annäherung ist: „Die Begegnung schafft keine Lösung, aber erzwingt die Konfrontation: Wenn wir nebeneinander leben, müssen wir diesen Widerspruch aushalten können.“ Möntmann erwähnt in diesem Zusammenhang einen anderen Widerspruch, den sie immer nur zwischen „Klammern“ nennen kann: „Die Ausführungen der Projekte sind nur im Gefängnis möglich, die kann man auf diesem Level draußen gar nicht machen, weil die Frauen im Gefängnis nicht weglaufen, nicht verschlafen, zu bestimmten Zeiten kommen und gehen. Das alles kommt aus dem System, gegen das ich mich wehre, das ich auch beschreibe als einen unmenschlichen Ort. Aber die Projektausführungen funktionieren dort eben am besten.“

 

 

Transkription und Text: Nina Glockner